Rennen


	
	    

	
	    

	
	    

	
	    

 

Europameisterschaft 2008 in Donovaly (Slowakei) oder

„mein KAMPF um eine Medaille“

 

Wir reisten bereits am Dienstag in die Slowakei, um uns und den Hunden genug Zeit zur Aklimatisierung zu geben. Erwartet wurden wir bereits von Gerald und Regina Schinzel, die bereits das Stake-Out für das österreichische Team reserviert hatten. Ein großes Danke gebührt den beiden, da wir mit Abstand den größten und besten Platz – direkt neben dem Start-Ziel-Bereich – hatten. Als wir endlich mit den Aufbauarbeiten fertig waren, und unsere Hunde füttern, mussten wir feststellen, dass Leithündin Syra jegliches Futter verweigerte. Wir führten dies anfangs auf die 7-stündige Anreise zurück.

Am nächsten Morgen erlebten wir beim Wässern das selbe Spiel. Unsere Rüden fraßen brav, nur Syra mied den Napf erneut.

Gegen Mittwoch Mittag füllte sich das österreichische Lager zunehmend, und ein riesiges Miteinander sorgte dafür, dass jeder genügend Platz fand.

Am Mittwoch Abend ereilte uns ein Deja-vu-Erlebnis – Syra fraß wieder nichts. Ich wurde sehr besorgt, denn ich wusste, welcher Trail uns erwarten würde – der härteste Sprinttrail Europas! Der Donnerstag verlief relativ entspannt, lediglich organisatorische Dinge waren zu erledigen, wie Akkreditierung, Vet-Check (die Hunde werden von einem schlittenhundeerfahrenen Tierarzt durchgecheckt), Impfpasskontrolle, Kontrolle der Papiere und Ahnentafeln. Nachdem Syra sowohl am Morgen als auch am Abend wieder ihr Futter verweigerte, wurde ich unrund. Am Donnerstag Abend stand dann der Einmarsch der Nationen am Programm, mit riesen Eröffnungsfeier, Hubschraubershow und Live-Band.

Freitag erster Renntag: Syra und Sam laufen im Lead, Rave und Carlos im Wheel. Unsere Taktik für diesen Tag war, maximal 75% anzugreifen, um die Kräfte für Tag 2 und 3 zu sparen.

Die Rechnung ging voll auf, wir lagen auf Platz 2, nur wenige Sekunden hinter dem Slowaken Lukas Dukac, der auf dieser Strecke zuhause ist.

Die Euphorie dauerte jedoch nicht lange an. Wir nahmen an, dass Syra wohl fressen würde, zumal sie einen äußerten anstrengenden Lauf hinter sich hatte. Außer ein paar Brocken Fleisch, verweigerte sie jedoch weiterhin jegliche Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit – sondern fraß nur Schnee. Da uns die Kohlehydrate schön langsam ausgingen, kam uns Michi Humplik (eigentlich Pomocnik von Gerald Osterbauer) zur Hilfe. Er hatte eine ganze Schachtel der wertvollen Riegel mit! Ein großer DANK gilt ihm und seiner Firma „Dog-Point“ (www.dogpoint.at)

Samstag zweiter Renntag: Da ich schlecht geschlafen hatte, bewegte ich mich eher schwerfällig. Mit Grauen dachte ich an den anspruchsvollen Trail, der von mir körperlich alles abverlangte. Da unsere Hunde normalerweise am zweiten Tag immer stärker sind, blieb die Teamaufstellung unverändert. Dies erwies sich jedoch bereits ab Kilometer 4 als kleine Katastrophe. Wir waren am zweiten Renntag voll auf Angriff aus, jedoch verließen Syra die Kräfte. Sie blockierte die restlichen 6 km im Lead voll – bei den harten Anstiegen war sie einfach nur dabei, bergab hatte sie ständig flatting lines. Ich musste daher das Tempo reduzieren um die Leinen auf Spannung zu halten  - ein Horror! Während der Fahrt war mir klar, dass dies einen Podestplatz kosten würde. Ab Kilometer 6 der nächste Schlag – Carlos begann unrund zu laufen. Im Ziel angekommen, hatten wir bereits 1 Minute auf den Führenden verloren und fielen zurück auf Platz 4!

Den noch verbleibenden Nachmittag verbrachten wir damit, Carlos zu massieren und Syra aufzupeppeln. Wir zogen den F.I.S.T.C-Tierarzt hinzu, der beide untersuchte. Syra bekam eine VitaminB-Injektion und Carlos mussten wir mit einer speziellen Salbe massieren.

So wie es aussah, schien es für uns keinen dritten Renntag zu geben, da wir nicht wussten ob die Vitamine bei Syra noch helfen, und Carlos wieder fit sein würde. Es machte sich Ratlosigkeit breit, jeder kam mit Vorschlägen und  riet etwas anderes. Selbst Lena, die das Positive Denken fast erfunden hat, schien zu resignieren. Da bereitet man sich ein ganzes Jahr auf diesen Höhepunkt vor, trainiert bei jeder Witterung sich und seine Hunde, und dann so etwas! Wir konnten nichts anderes tun, als abzuwarten – Syra durfte die Nacht im Wohnwagen bei uns verbringen. Für mich unvorstellbar, dass Syra, die uns die größten Sternstunden im Schlittenhundesport brachte, nicht ihre gewohnte Leistung bringen konnte... warum nur? Unsere Gedanken: " Was ist mit ihr nur los", hoffentlich hat sich nichts Ernstes! Wir machten uns große Sorgen um sie.

Am Abend trafen wir uns zum Musherabend. Jedoch verließen wir diesen relativ früh, da wir müde und deprimiert waren.

Sonntag dritter Renntag: Ein entscheidender Tag! Starten? Nicht starten? Nur mit 3 Hunden starten? Oder einen Joker ziehen, der mir die ganze Nacht im Kopf herumspukte? Ich spielte mit dem Gedanken, Syra ins Wheel zu versetzen, und Rave die Chance im Lead neben Sam zu geben. Er liebt es extrem schnell zu laufen, und ist ein knallharter Arbeiter. Außerdem hatte er jeden Tage perfekt gefressen, und war daher topfit. Die Pfote von Carlos schien nach mehreren Massagen wieder fit zu sein. Er zeigte keinerlei Schmerzen beim Abtasten, und war somit für den Finallauf gesetzt. Syra bekam eine extra Portion Kohlehydrate verabreicht, in der Hoffnung es würde ihr zusätzliche Kraft bringen, um in der zweiten Reihe zu laufen. In dieser Position hatte sie keinerlei Verantwortung, und brauchte am Berg lediglich etwas mitzuziehen. Mir war bewusst, dass ich bei den steilen Anstiegen 150% mitarbeiten musste.

Nachdem mein Freund Markus Rotter (RSS-Team-Owner und WAX-MAX Nr.1) mir die fertig gewachsten Kufen übergab, fischte er mich noch zur Seite und stärkte mich mental wie kein anderer. Nun war es soweit, die Stunde der Wahrheit: Mit Rave im Lead, legten wir einen explosionsartigen Start hin. Nach Kilometer 5 und dem ersten großen Anstieg wuchsen mein Team und ich über uns hinaus, und ich verspürte die unglaubliche Kraft die plötzlich in uns aufstieg. Jedesmal wenn ich Rave ansprach beschleunigte er unvorstellbar! Als ich dann den Drittplatzierten Italiener Massimo Martini vor mir sah, wusste ich, wir hatten Zeit gut gemacht. Dies beflügelte uns noch einmal und wir kämpften unermüdlich. Bei der Einfahrt in die Zielgerade wurden wir mit tösendem Jubel empfangen, niemand hatte mehr mit diesem Ergebnis gerechnet. Ein holländischer Musher sagte treffend: „Ich hätte keinen Cent mehr auf euch gesetzt“. Völlig erschöpft und überglücklich bedankte ich mich bei meinem sensationellen Team, ohne zu Verstehen, was uns da gelungen war. Ein spezieller Dank gilt Steam Streamer’s Rave – a new leader is born.

Einige Stunden später bei der Siegerehrung wurde mir dann richtig bewusst, was wir an diesem Wochenende erreicht hatten! Dieser Vize-Europameistertitel ist für uns in Anbetracht der Tatsachen mit Gold nicht aufzuwiegen.

 

Mein ganz besonderer Dank gilt:

meinen Hunden, die auch heuer wieder Tolles für mich geleistet haben, dem weltbesten Pomocnik und Goldschatz Lena, WaxMax und Mentalcoach Markus Rotter, dem zweitbesten Pomocnik Michael Humplik, meinen wertvollen Freunden Christoph Rotter und Gerald Osterbauer. Einen erheblichen Anteil trug auch mein Vater bei, der zuhause die Stellung hielt um sich um die restlichen Hunde zu kümmern.

 

Fotos: siehe Rubrik "News"